Die Mechanik meiner Freiheit - ADFC Bodenseekreis

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Bodenseekreis

Miniatur-Fahrrad steht auf einem aufgeschlagenen Buch mit deutschem Gesetzestext.

Die neuen Regelungen bringen Verbesserungen für Radfahrende. © ADFC

Die Mechanik meiner Freiheit

Warum ich mich jeden Morgen der Zerbrechlichkeit aussetze – und warum das Radfahren für mich die ehrlichste Art der Weltaneignung ist

Warum ich mich jeden Morgen der Zerbrechlichkeit aussetze – und warum das Radfahren für mich die ehrlichste Art der Weltaneignung ist

Es gibt diesen einen, fast magischen Moment, den ich jeden Morgen suche. Es ist der Bruchteil einer Sekunde, in dem das leichte Schwanken aufhört. Wenn ich mich abstoße, die Kurbel den ersten Widerstand bietet und die Physik mir recht gibt: Geschwindigkeit erzeugt Stabilität. In diesem Augenblick hört mein Fahrrad auf, eine Konstruktion aus Stahl, Gummi und Carbon zu sein. Es wird zu einer Erweiterung meines Willens. Ich bediene es nicht mehr, ich werde es. 

Warum tue ich mir das an? Warum verlasse ich die klimatisierte Kapsel, die mir die Autoindustrie als den Gipfel der Zivilisation verkaufen will, und setze mich Wind, Nässe und dem Stahltonnen-Ballett des Berufsverkehrs aus? 

Weil ich mich im Auto immer wie ein Zuschauer gefühlt habe. Die Windschutzscheibe war für mich wie ein Bildschirm – der Film der Welt lief an mir vorbei, hermetisch abgeriegelt, geruchlos, temperiert. Auf dem Rad bin ich kein Zuschauer mehr, ich bin Protagonist. Ich spüre die Topografie der Stadt in meinen Oberschenkeln. Ich weiß, wo der Asphalt rau wird, ich rieche den nassen Beton nach einem Sommerregen und – ja, leider auch – die Abgase des Lkw vor mir. Aber diese Unmittelbarkeit ist der Preis für meine Präsenz. Der Psychologe in mir würde es wohl als eine totale Öffnung der „Sinneskanäle“ bezeichnen, eine aggressive Resonanz mit der Umwelt. Ich als Radler nenne es: Spüren, dass ich am Leben bin. 

Natürlich ist da die Angst. Wer behauptet, im Stadtverkehr völlig entspannt zu radeln, lügt oder ist lebensmüde. Ich bin ein „weicher Körper“ in einer Welt aus hartem Stahl. Jeden Tag erlebe ich diese seltsame Dialektik: Ich fühle mich maximal autonom – ich kann jederzeit abbiegen, anhalten, beschleunigen – und bin doch maximal verletzlich. Aber paradoxerweise ziehe ich aus dieser Fragilität eine enorme Kraft. Wenn ich an einer Blechlawine vorbeigleite, in der motorisierte Menschen eingesperrt in ihren zwei Tonnen schweren Rüstungen stehen, fühle ich mich nicht ärmer, sondern reicher. Reicher an Zeit, reicher an Raum. 

Ich merke oft, wie mein bloßes Dasein provoziert. Für den gestressten Autofahrer bin ich der „Störfaktor“, der Fehler im System. Vielleicht, so denke ich manchmal beim Blick in zornige Gesichter, bin ich auch eine lebende Kränkung. Denn meine Beweglichkeit entlarvt ihre Statik. Mein Vorankommen durch eigene Muskelkraft, diese Synthese von Volition und Stärke, wirkt wie ein archaischer Vorwurf an eine Gesellschaft, die verlernt hat, sich zu spüren. Das Fahrrad ist mein Instrument der „Konvivialität“, wie Ivan Illich es nannte. Ich dominiere niemanden mit hunderten von PS. Ich beanspruche kaum Platz. Ich bin leise. 

Doch für mich ist das Radfahren mehr als ein politisches Statement oder ökologisches Gewissen. Es ist meine tägliche Psychohygiene. Wenn ich nach einem langen Arbeitstag auf den Sattel steige, passiert etwas mit meinem Zeitgefühl. Die Heimfahrt ist mein Transitraum. Während meine Beine einen gleichmäßigen Rhythmus finden, sortiert sich mein Kopf. Der Stress diffundiert, Gedanken, die sich im Büro verknotet haben, lösen sich im Takt der Pedale. Es ist eine Form des „Quantum Tunneling“ für die Psyche: Ich überwinde Hindernisse im Kopf, für die mir im Stillstand die Energie fehlte. 

Ich brauche diese halbe Stunde „Dazwischen“. Ich brauche den Wind im Gesicht, um die Rolle in meinem Beruf abzustreifen und wieder Mensch zu werden. Das Radfahren zwingt mich ins Hier und Jetzt. Ich kann nicht über die Steuererklärung grübeln, wenn ich eine Straßenbahnschiene im spitzen Winkel queren muss. Diese erzwungene Achtsamkeit, diese „ent­span­nte Wachheit“ ist meine Meditation. 

Am Ende ist es eine Frage der Balance. Nicht nur physikalisch, damit ich nicht umfalle. Sondern eine Balance zwischen mir und der Welt. Das Fahrrad verspricht mir keine Sicherheit durch Panzerung, sondern Sicherheit durch Kompetenz und Wachheit. Es ist eine Einladung, die Stadt nicht nur zu durchqueren, sondern sie zu bewohnen. Wer radelt, ist schon da, während andere noch fahren. Und solange sich meine Räder drehen, gehört die Stadt mir.

(Georg Schömer 2026)

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