Tobias Gähr, Leiter des Straßenbauamts des Landkreises Bodenseekreis - ADFC Bodenseekreis

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Bodenseekreis

Tobias Gähr, Leiter des Straßenbauamts des Landkreises Bodenseekreis

Tobias Gähr, Leiter des Straßenbauamts im Landratsamt Bodenseekreis, beantwortet fünf Fragen von Bernhard Glatthaar.

ADFC: Welchen persönlichen Bezug haben Sie zum Fahrradfahren?

Gähr: Radfahren und Fahrräder faszinieren mich von Kindesbeinen an. Zwar gab es auch in den 70er Jahren schon reichlich Elterntaxis, doch meine Eltern haben davon – zum Glück – wenig gehalten. Somit habe ich früh gelernt, dass Radfahren Unabhängigkeit bedeutet. Außer einem Fahrrad braucht man nichts und niemanden, um mit einem hohen Wirkungsgrad schnell von A nach B zu kommen. 

Dazu kommt, dass man mit etwas Übung, die Fahrrad-technik hinsichtlich Wartung und Reparatur gut selbst im Griff haben kann. Das ist für mich autonomes Fahren im wahrsten Sinne des Wortes. Ich genieße das (fast) jeden Tag.

ADFC: Wo ist der Bodenseekreis bereits vorbildlich, was die Infrastruktur für Radfahrer betrifft? Welche Schwerpunkte beim Radwegebau haben Sie bis 2030?

Gähr

Für die Kreisverwaltung und die politischen Vertreter im Kreistag ist das Thema Radverkehr bzw. der Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur bereits seit Mitte der 80er Jahre – also lange vor vielen anderen Kreisen im Lande – ein wichtiges Thema, welches regelmäßig auf der Agenda steht. 

Daraus folgt auch, dass der Kreistag entsprechende Mittel für Neu- und Ausbau von Radwegen zur Verfügung stellt. Wir haben  zwischenzeitlich ein systematisch aufgebautes und ausgeschildertes Radwegenetz mit eine Gesamtlänge von rund 1.100 Kilometern. Das Netz setzt sich neben Radwegen in der Zuständigkeit des Kreises auch aus Strecken und Wegen in der Baulast des Bundes, des Landes, und der Gemeinden zusammen. 

Natürlich weist unser Netz noch immer Lücken und Defizite auf.  Das ergibt sich neben der alternden Infrastruktur auch aus den sich verändernden Standards hinsichtlich der Ausgestaltung der Radverkehrsanlagen. Auch veränderten sich die Nutzungsansprüche z.B. durch deutlich gestiegene Radverkehrszahlen und die höheren Geschwindigkeiten, die aufgrund der zunehmenden Zahl an Rennrädern und Pedelecs gefahren werden. 

Vorbildlich ist, dass wir diese Aufgaben im Rahmen der Radverkehrskonzeption des Bodenseekreises (zuletzt aus 2016) identifiziert und priorisiert haben, um diese gemeinsam mit allen zuständigen Baulastträgern in Arbeit zu nehmen. Wir berichten dem zuständigen Ausschuss für Umwelt und Technik regelmäßig über den Sachstand. Die Radverkehrskonzeption soll in diesem Jahr fortgeschrieben werden. 

In dieser Fortschreibung werden sich die künftigen Schwerpunkte herauskristallisieren. Ich gehe aber davon aus, dass neben weiteren Lückenschlüssen vor allem die Optimierung von Querungsstellen und der Ausbau vorhandener Radwege entsprechend der zwischenzeitlich geltenden Standards eine große Rolle spielen werden. Darüber hinaus wird die Weiterentwicklung des Radschnellweges zwischen Friedrichshafen und Baindt von Bedeutung sein.

ADFC: Welchen Beitrag können die Kommunen im Landkreis leisten, um den Bau von Radwegen an Kreisstraßen zu beschleunigen?

Gähr: Der mit Abstand größte Hemmschuh für einen zügigen und zielgerichteten Aus- und Neubau von Radwegen ist und bleibt das Thema Grunderwerb. Den größten Beitrag, den die Städte und Gemeinden leisten können, ist aufgrund deren Nähe zu den Eigentümern den Weg für einen erfolgreichen Grunderwerb vorbereiten.

ADFC: Welche Rahmenbedingungen beim Radwegebau sollten das Land und der Bund verbessern?

Gähr: Bund und Land halten für die Planung und den Bau von kommunalen Radverkehrsanlagen sehr interessante Förderprogramme bereit. Das kann sich schon sehen lassen. 

Auch legt das Regierungspräsidium Tübingen in seiner Außenstelle – dem Baureferat Süd in Ravensburg – verstärkt seinen Fokus auf die Planung und den Bau von Radwegen. Ansonsten liegt auch bei Bund und Land das größte Hindernis beim Grunderwerb. Meines Erachten könnte mit einer wie auch immer gearteten Privilegierung des Grunderwerbes für Radverkehrsanlagen, sei es über den Preis oder über die steuerlichen Rahmenbedingungen für die Eigentümer, bestimmt einiges an Erleichterung geschaffen werden.

ADFC: Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit mit dem ADFC?

Gähr: Die Impulse und Ideen, die der ADFC aus seiner Perspektive im Zuge der Planung von Radverkehrsanlagen regelmäßig einbringt, sind für uns durchaus wertvoll. Um dies zu gewährleisten binden wir den ADFC, neben den Trägern öffentlicher Belange aus den Bereichen Umweltschutz, Wasser und Boden, Landwirtschaft, Polizei, Verkehrsbehörde etc. regelmäßig in unsere Planungen mit ein. 

Ich denke, dass die Lobbyarbeit die der ADFC auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene leistet, maßgeblich mitverantwortlich dafür ist, dass Radverkehr in der Politik an prominenter Stelle fest verankert ist. Das ist eine gute Voraussetzung dafür, dass im Rahmen ausgewogener politischer Diskussionen die Belange aller Verkehrsteilnehmer Berücksichtigung finden können. Darauf setzte ich weiterhin.

alle Themen anzeigen

Verwandte Themen

100 – 50 – 30 – Fahrradstraße!

Die Windhager Straße in Friedrichshafen verbindet Schnetzenhausen und den Ortsteil Windhag und ist eine beliebte…

Georg Riedmann, Bürgermeister der Stadt Markdorf

Georg Riedmann ist seit 2013 Bürgermeister der Stadt Markdorf. Er beantwortet Fragen von Bernhard Glatthaar.

Noch viel Potential bei „sag‘s doch“

Wer Verbesserungsvorschläge hat, kann diese über das Internetportal sags-doch.de melden und damit die passende Behörde…

Fähre-Erlebnisse

Mit dem Rad auf der Fähre von Meersburg nach Konstanz

"Rutschgefahr" am Bodensee?

MEERSBURG. Erfreulich war 2020 die Eröffnung einer weiteren Fahrradstraße im Bodenseekreis, dieses Mal in Meersburg an…

Zukunftsverweigerung

Die Modernisierung des Stadtbahnhofs war ursprünglich für 2015, dann für 2019 geplant, nun ist mit einem Beginn der…

Landratsamt & ADFC Bodenseekreis: Ergebnisse Verkehrszählungen Bodensee-Radweg

Der Bodensee-Radweg zählt zu den beliebtesten Radreise-Zielen Europas, vor allem in der Ferienzeit ist hier das…

Ein großer Schritt nach vorne

Es ist ein Quantensprung für die Überlinger Innenstadt und auch für den Radverkehr: 2024 wurde die Umgestaltung der…

Sicherheit geht vor

Die Planung des Kreisverkehrs am Knoten Lindauer Straße / Schäferhofstraße / Oberhofer Straße wurde 2024 konkreter. Ob…

https://bodenseekreis.adfc.de/artikel/tobias-gaehr-leiter-des-strassenbauamts-des-landkreises-bodenseekreis

Bleiben Sie in Kontakt