Großer Wurf oder politisches Theater? - ADFC Bodenseekreis

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Bodenseekreis

Großer Wurf oder politisches Theater?

Anfang September 2025 verkündete Verkehrsminister Winfried Hermann in Hagnau den neuen „Qualitätspakt Bodensee-Radweg“. War das der Beginn eines neuen Zeitalters und kommt das Sondervermögen jetzt am Bodensee an?

Der Bodensee-Radweg ist wie viele andere touristische Radfernwege in Deutschland vom ADFC als Qualitätsradroute zertifiziert und hatte bisher 4 von 5 Sternen inne. Bei der letzten Zertifizierung verlor der Bodensee-Radweg einen Stern und fiel damit in der Bewertung ins Mittelfeld der deutschen Radfernwege ab.

Jeder, der den Bodensee kennt, weiß, dass die wunderbare Landschaft und die zahlreichen Sehenswürdigkeiten die volle Punktzahl verdienen. Doch bei der Zertifizierung fließt mehr ein: Die Bewertung der Verkehrsbelastung und der Breite der Wege hat zusammen eine Gewichtung von 35 % auf das Ergebnis. Genau bei diesen Kriterien liegen die größten Defizite am Bodensee-Radweg, also ist das Ergebnis wenig überraschend. Dass es zur Abwertung kam, lag auch daran, dass die bisherigen 4 Sterne offenbar nur sehr knapp erreicht wurden. 

Dieser Weckruf wurde von den Verantwortlichen nicht überhört. Anfang 2025 entstand in Baden-Württemberg die Initiative für einen Qualitätspakt, der alle Anrainer des Bodensees einbeziehen sollte. Es wurde eine gemeinsame Qualitätsentwicklung des Bodensee-Radwegs beschlossen und die Geschäftsstelle des Bodensee-Radwegs bei der IBT (Internationale Bodensee Tourismus GmbH) damit beauftragt. 

Unsere Österreichischen und Schweizer Nachbarn sind als Mitglieder der IBT einbezogen, doch den Qualitätspakt haben sie nicht unterschrieben. Warum auch? Was dachten sich wohl die Bregenzer, die ihren Radweg von Hörbranz auf der Pipeline bis in die Innenstadt in den letzten Jahren grandios umgebaut hatten – ganz ohne Qualitätspakt? Oder die Schweizer, die seit langem konsequent an der Verbesserung der Radwege arbeiten – nicht nur am Bodensee? 

Im Bodenseekreis wurde der Qualitätspakt vom Landratsamt und von 10 der 11 Städte und Gemeinden am Bodensee unterschrieben. Eriskirch ist nicht dabei, im Eriskircher Ried scheint es wohl keine Probleme zu geben.

Der Qualitätspakt enthält fünf Maßnahmenschwerpunkte:

  • Entflechtung des Verkehrs
  • Umverteilung vorhandener Verkehrs­flächen
  • Sicherheit gewährleisten
  • Regelwerke, Rechtsrahmen nutzen
  • Zusammenarbeit von Baulastträgern und relevanten Akteuren

Zur Entflechtung heißt es darin: 

Unterschiedliche Verkehrsarten (Rad-, Fuß-, Kfz-, Lastverkehr) werden in Zukunft entlang des Bodensee-Radwegs, wo immer möglich und wo immer notwendig, getrennt voneinander geführt. Vor allem in Bereichen mit hohem Verkehrsaufkommen – egal welcher Art – sollen separate Verkehrsführungen eingerichtet werden,die den unterschiedlichen Sicherheitsbedürfnissen und den unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Platzbedürfnissen gerecht werden.“

Man reibt sich die Augen: In Friedrichshafen wurde 2024 der Bodensee-Radweg auf die Fahrbahn der Friedrichstraße verlegt – mehr Infos dazu im Innenteil der Zeitung, und 2025 unterschreibt der Baubürgermeister einen Qualitätspakt, in Zukunft das Gegenteil zu tun? Wird in Sipplingen jetzt die 25 Jahre alte Idee eines Radweg-Stegs südlich der Bahnlinie Realität? Oder wird die Durchfahrt im Schloss Maurach für Radler geöffnet? Nein, denn die gewinnorientierten  Zisterzienser, denen das Schloss gehört, haben nicht unterschrieben. 

Hellhörig wird man auch bei der „Zusammenarbeit von Baulastträgern und relevanten Akteuren“: Haben die IBK (Internationale Bodensee-Konfe­renz), die IBT, die Regierungspräsidien, die Landratsämter und die Städte und Gemeinden bisher etwa nicht zusammengearbeitet? Warum soll das durch eine neue Geschäftsstelle in Konstanz fundamental anders werden?

Ob sich jetzt eine Aufbruchsstimmung in den zuständigen Verwaltungen breit macht und die Kämmerer und Gemeinderäte das nötige Geld freigeben, um wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Wege am Bodensee zu finanzieren, ist abzuwarten. 

Wird es der große Wurf oder war die Radtour des Ministers mit der Politprominenz im September 2025 doch nur politisches Sommertheater?

(Bernhard Glatthaar 2026) 

www.aktivmobil-bw.de/aktuelles/news/ein-qualitaetspakt-fuer-den-bodensee-radweg

www.aktivmobil-bw.de/fileadmin/user_upload/8_News_2025/Qualitaetspakt_Bodensee-Radweg.pdf

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